CO2 ist so knapp, dass schon Brauereien und Brunnen stillstehen – vor allem im Süden des Landes. Gibt es ganz neue Bezugsquellen oder ist gar der Import von CO2 aus den USA eine Lösung? Aus der Bundespolitik kommt dazu bisher: nichts.
CO2 ist so knapp, dass schon Brauereien und Brunnen stillstehen – vor allem im Süden des Landes. Gibt es ganz neue Bezugsquellen oder ist gar der Import von CO2 aus den USA eine Lösung? Aus der Bundespolitik kommt dazu bisher: nichts. Ist das schon der letzte Strohhalm in Zeiten massiven CO2-Mangels? Bayerns Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger brachte dieser Tage Zementwerke als Retter ins Spiel. Hunderttausende Tonnen CO2 würden jedes Jahr in die Luft geblasen und könnten sinnvoller genutzt werden. In Pilotprojekten würden bereits zwei Tonnen pro Tag umgewandelt.
Aiwangers Ministerium prüft derzeit, ob kurzfristig auch mehr geht. Stillstehende Brauereien und Brunnen sind wegen der CO2-Knappheit in Deutschland zur Realität geworden – vor allem im Süden sieht es düster aus. Einzelne Lieferanten wie Westfalen Gas sind wohl komplett blank. Täglich kommen Meldungen über (teilweise) Produktionsausfälle dazu. Einige Beispiele: die Privatbrauerei Schweiger, Markt Schwaben (füllt auch Spezi, Aqua Monaco und Pölz ab), Nordbräu, Ingolstadt, die Aktienbrauerei Kaufbeuren oder die Apoldaer Brauerei aus Thüringen. Mehrere mittelständische Brauer deuteten gegenüber INSIDE an, dass sie wohl auch bald stillstehen werden. Und der Handel? Zeigt sich hart gegen jede Art von Preiserhöhungen.
Werden Zementwerke zum Retter in der CO2-Krise der Getränkebranche?
Bei den Mineralbrunnen sieht es nicht besser aus, auch hier mussten einzelne Betriebe bereits zeitweise ihre Produktion drosseln oder produzieren nur noch Sorten mit weniger Kohlensäure (bspw. Medium). Weitere, vor allem kleine, dürften folgen. Sie haben in der Regel nur Verträge mit einem Lieferanten und sind von diesem komplett abhängig. In der Branche heißt es: Die Probleme hätte man erahnen und sich vor dem Sommer breiter aufstellen können. Jetzt noch einen neuen Lieferanten zu finden: unmöglich. Außen vor bei den Problemen sind Brunnen mit eigenem Zugang zu Kohlensäure wie Gerolsteiner.
Nach wie vor stehen lediglich 30 bis 40 % der gewöhnlichen Menge CO2 zur Verfügung, weil die Produktion von Düngemitteln, bei der das CO2 als Randprodukt abfällt, hierzulande nahezu zum Erliegen gekommen ist (INSIDE 910). Großkunden genießen oft Priorität. Vor allem aber andere Branchen wie die Pharmaindustrie, die Impfstoffe kühlen und Medikamente produzieren muss. Brauereien mit CO2-Rückgewinnungsanlagen haben derzeit wenig bis gar keine Engpässe. Diese Anlagen lohnen sich bei hohen, meist siebenstelligen Anfangsinvestitonen laut INSIDERN in der Regel erst ab einem Absatz von rund 300.000 hl. Zwar halfen sich in den vergangenen Wochen immer wieder Brauereien untereinander. Doch selbst, wenn man jemanden findet, der noch CO2 anbietet, bleibt es kompliziert: der chronische Fahrermangel erschwert den Transport, ganz zu schweigen vom drohenden (und ebenfalls durch die heruntergefahrene Düngemittelproduktion verursachten) Ad Blue-Engpass.
Mittlerweile hat der Bayerische Brauer-Bund eine Initiative gestartet, die große Brauer mit CO2-Rückgewinnungsanlagen national dazu bewegen will, überschüssiges CO2 an kleinere Brauer abzugeben. Über den Erfolg der Initiative gibt es keine verifizierbaren Angaben; angeblich machen tatsächlich einige Braukonzerne mit. Problematisch wird essbeim Weitertransport. Intern wurde kommuniziert, dass sich drei Lieferantenvon CO2 bereit erklärt hätten, Fahrzeuge, in denen sonst technische Kohlensäureherumgefahren wird, für den Transport von Gärungskohlensäure bereitzu stellen (und sie damit zu „versauen“).Brauereien benötigen das CO2 vor allem für das Vorspannen von Tanks, Flaschenund Fässern, außerdem ist besonders viel davon für die Produktion alkoholfreierGetränke nötig. Hinzu kommt der heikle Einsatz (Stichwort: Reinheitsgebot)bei der Bierproduktion. Eine mittelständische Brauerei benötigt Schätzungen zufolge insgesamt etwa 800 bis 1.000 Tonnen pro Jahr. Ein möglicher Ersatz ist in einigen Bereichen Stickstoff. Auf das Gas setzt die Branche zunehmend, doch es ist gerade ebenfalls knapp und teuer. Dennoch meint ein INSIDER: „Wir nehmen, was wir kriegen. Von den Kosten her geht das, da isteher die Energie das große Problem.“
Was tun also? Neben Aiwangers Vorstoß mit ungewissem Ausgang gibt es kaum Handlungsspielraum. Zwar hat die von Lieferantenseite reihenweise erklärte Force Majeure, also „höhere Gewalt“, einen Beigeschmack, denn es gibt ja Düngemittel – sie werden nur nicht hier, sondern in den USA und Co. produziert, wo Energie um ein Vielfaches günstiger ist. Da die Industrie aber auf CO2 angewiesen ist, wird man es sich kaum mit den Lieferanten verscherzen.
Ein Import aus den USA wird von Experten bereits ernsthaft geprüft, wäreaber aufgrund kurzfristig begrenzter Frachtkapazitäten wohl erst für die nächste Getränkesaison umsetzbar. „Dann sieht es definitiv besser aus“,meint ein INSIDER. Zudem stelle man sich breiter auf und setze verstärkt aufdie biogene Gewinnung von CO2 – auch das allerdings ist ein mittelfristiges bis langfristiges Unterfangen. Die nächsten Wochen gilt wohl nur eins: irgendwie durchkommen. Möglicherweise ist Land in Sicht: Der große Ammoniak- und Düngemittelhersteller SKW Piesteritz, Wittenberg, fährt derzeit die Produktionwieder hoch. Ob und wann Hersteller wie BASF in Deutschland wieder ins Geschäft einsteigen, ist offen. Mittlerweile warnt der Bayerische Brauer-Bund vor Hamsterkäufen – es werde im Winter genug Bier geben. Hamstern führe außerdem zu Leergut-Knappheit
Die Hoffnungen in die Bundespolitik sind begrenzt. Die Getränkebranche hatsich zwar vergangene Woche geschlossen (Verband Deutscher Mineralbrunnen, Deutscher Brauer-Bund, Private Brauereien Deutschland, Verband derdeutschen Fruchtsaftindustrie, Bundesverband des deutschen Getränkefachgroßhandels) öffentlich über eine existenzbedrohende Lage, auch wegendes CO2-Mangels, beklagt. Reaktion? Fehlanzeige. Die Privaten Brauereienforderten zudem eigens die Prüfung einer zwangsweisen Wiederaufnahme der Düngemittelproduktion. Ein INSIDER sagt allerdings: „Das ist noch gar nichtangekommen in den Köpfen der Politiker.“

