Man kann ja mal schnell den Überblick verlieren: Wer hat wem was erzählt? Wer hat ausgepackt? Wer muss einpacken? Wie war das damals? Aus den Beschuldigungsschreiben, die das Bundeskartellamt im Sommer 2013 verschickte, geht nicht nur hervor, was den betroffenen großen deutschen Markenbrauern vorgeworfen wird. Sondern auch, wer den entscheidenden Hinweis für die Ermittlungen gab.
INSIDE hat aus aktuellem Anlass die Chronologie der Ereignisse zusammengestellt - angesichts des noch laufenden Verfahrens gegen Carlsberg, Radeberger &. Co. muss es heißen: "wird fortgesetzt"!
Die Vorwürfe:
14. Juni 2006: Bei einer Sitzung des NRW-Brauereiverbands soll über die Notwendigkeit einer Bierpreiserhöhung gesprochen worden sein, nachdem in den vier Jahren zuvor keine Anpassung mehr stattfand.
Oktober/November 2006:Krombacher, Veltins, Bitburger, Carlsberg, Radeberger, Inbev (und kurz zuvor Warsteiner) erhöhen ihre Rampenpreise für Fassbier um ca. 6-7 Euro/hl. Laut Ermittlungen des Bundeskartellamts soll es vorher telefonische Absprachen gegeben haben.
12. März 2007: Eine Runde von großen Pilsbrauern, darunter A. Christmann (Radeberger), M. Huber und V. Kuhl (Veltins), G. Möller-Hergt und R. Wehran (Warsteiner), W. Burgard (Carlsberg), B. Schadeberg (Krombacher), P. Rikowski (Bitburger) und F. Steffens (damals kommissarischer Geschäftsführer von Inbev Deutschland) soll sich während der Internorga in Hamburg getroffen und über die Notwendigkeit von Preiserhöhungen gesprochen haben.
Sommer 2007: Der Gesprächsfaden von Hamburg soll telefonisch wieder aufgenommen worden sein.
5. September 2007: Bei einer Sitzung des NRW-Verbands soll Vize Michael Hollmann den Verbands-Gf und Schriftführer Jürgen Witt angewiesen haben, den Saal zu verlassen, um ungestört über die Notwendigkeit einer Bierpreiserhöhung zu sprechen.
Februar/März 2008: Alle großen deutschen Marken, von Weißbier bis Pils, erhöhen ihre Rampenpreise um rund 6 Euro/hl.
Der „Verrat“ und die Folgen:
5. September 2011: Bei AB Inbev in Bremen kramt ein Verkaufsleiter (nach INSIDER-Informationen der Key Acounter Marcel Freches) in seinen Erinnerungen. Obwohl (oder weil?) die betreffenden Vorwürfe kurz vor einer Verjährung (nach fünf Jahren) stehen, entschließt sich der Konzern unter Leitung von Deutschland-Chef Chris Cools, sich und die Wettbewerber hinzuhängen und einen „Antrag über den Erlass und die Reduktion von Geldbußen in Kartellsachen“ zu stellen. In der sicheren Gewissheit, in den Genuss der Kronzeugenregelung zu kommen, die dem ersten
Informanten (und nur dem) Straffreiheit einräumt.
23. November 2011:Dr. Carsten Becker, zuvor bei Mineralöl, Gas und Strom eher glücklos, spricht als neuer Leiter der 10. Beschlussabteilung des Bundeskartellamts auf dem Get.In.-Kongress in Frankfurt. Er droht vor den Konsequenzen bei vertikalen Preisabsprachen zwischen Herstellern und Handel, aber auch horizontalen unter Herstellern. Offen wirbt Becker um Kronzeugen, ohne zu verraten, dass die Straffreiheit schon an Inbev ging.
15. Dezember 2011:Razzia in Köln. Ausgelöst von einem Hinweisgeber (hinter dem INSIDER Gaffel-Mitinhaber J. Becker vermuten) durchsuchen 25 Beamte des Kartellamts und 15 Polizisten die Kölschbrauereien Gaffel, Reissdorf, Früh, Zunft Kölsch und Brauerei zur Malzmühle. Vorwurf: illegale Absprachen.
Ab Frühsommer 2012: Das Kartellamt bestellt zahlreiche (angeblich 30) Brauereimanager zu Verhören ein. Die Beamten konfrontieren sie mit Schnipseln und Teilaussagen, sogenannten „Vorhalten“, ihrer Kollegen. Außer Inbev (Freches und Frank Steffens) gibt auch der inzwischen bei Tchibo arbeitende Ex-Bit-Chef Rikowski sehr detaillierte „Vorhalte“ ab.
5. Juli 2012: Die Bitburger Braugruppe reicht beim Kartellamt einen Kooperationsantrag ein (und kann dafür bis zu 50 % Bußgeld-Rabatt erwarten). Kurz darauf folgen Krombacher, Veltins, Warsteiner und andere Beschuldigte. Sie gestehen damit ihre Schuld ein und dürfen umgekehrt auf einen kleinen Abschlag bei den zu erwartenden Bußgeldern hoffen, allerdings kaum mehr als 10%. Carlsberg sowie die Radeberger Gruppe und eine Handvoll NRW-Brauer (Gaffel, Früh, Sünner, Bolten) kooperieren nicht.
Juni 2013: 25 Manager und Unternehmen erhalten die über 100 Seiten dicken Beschuldigungsschreiben des Bundeskartellamts.
5. August 2013: Bis zu diesem Zeitpunkt sollten die Betroffenen zu den Anschuldigungen Stellung nehmen.
13. Januar 2014: <link alle-meldungen news-detail preisabsprachen-kartellamt-verhaengt-erste-geldbussen.html _blank>Das Bundeskartellamt gibt die ersten Bußgelder bekannt<link alle-meldungen news-detail preisabsprachen-kartellamt-verhaengt-erste-geldbussen.html _blank>: 106 Mio Euro - ungleichmäßig verteilt auf die fünf Brauereien Krombacher, Warsteiner, Veltins, Bitburger und Barre. Auch sieben damals beteiligte Manager erhalten Bußgeld-Briefe.<link alle-meldungen news-detail barre-wehrt-sich-gegen-kartell-vorwuerfe.html _blank> Barre fühlt sich zu Unrecht beschuldigt, zahlt aber trotzdem.
Heute: Ermittlungen gegen zwei weitere Brauereikonzerne (Radeberger, Carlsberg) sind laut Kartellamt noch nicht abgeschlossen. Gleiches gilt für vier regionale Brauereien aus NRW (Früh, Gaffel, Bolten) sowie den dortigen Regionalverband. Radeberger aber auch die beschuldigten NRW-Brauer wollen sich offenbar nicht auf ein Settlement einlassen, sondern widersprechen bzw klagen. Gemessen am damaligen Marktvolumen stünden allein bei Carlsberg und Radeberger zusammen soviele Millionen im Feuer wie bei den bereits zahlungsbereiten anderen Brauern (die aber rabattiert wurden) - ein im April 2013 runderneutes Gesetz gegen Wettbewerbsbeschränkungen (das den Umsatz von Gesamtkonzernen zur Berechnung von Bußgeldern heranziehen könnte) noch gar nicht mitgerechnet.
(wird fortgesetzt ...)



