Aktuell kommen rund 35 % des in Deutschland verbrauchten Erdgases aus Russland. Die Zahl ist extrem volatil. INSIDER gehen davon aus, dass bis zu 75 % aller deutschen Brauereien mit Erdgas betrieben werden, weitere 15 % mit Erdöl oder in Kombination. Wer aktuell noch die Möglichkeit hat, kurzfristig auf Erdöl umzusteigen, wird kaum Nutzen daraus ziehen: Öl ist extrem teuer, die Versorgung per Tanklastzug im angespannten Logistikmarkt schwierig. Die Abkehr von fossilen Brennstoffen rückt immer näher, nicht nur aus Umweltgesichtspunkten.
Für alle, die sich erst jetzt Gedanken machen, wird es eine Geduldsprobe, sagen die Energie- und Transformationsberater Dr. Ing. Georg Schu und Matthias Kern vom IGS Ingenieursbüro für Energie- und Umwelttechnik in Hallbergmoos bei München. Es wird nicht einfach. Und es geht vor allem nicht von heute auf morgen.
Herr Dr. Schu, Herr Kern, bislang hieß es immer: Wegen der langfristigen Amortisation der Investitionskosten treibt eher der Mittelstand die Energiewende voran als die Dividenden getriebenen Konzerne. Jetzt herrscht Krieg und keiner weiß, wie lange noch Erdgas aus Russland ankommt. Beobachten Sie jetzt auch einen Kurswechsel bei den Großen?
Georg Schu: Die letzten Gespräche, die wir mit großen Konzernen hatten, zeigen, dass ein Umdenken stattfindet. Der ROI ist ja auch nicht alles, wenn heute das Gas abgestellt wird und der Betrieb die Produktion einstellen muss. Dieses Damoklesschwert hängt jetzt doch über allen.
Matthias Kern: Wir stellen fest, dass diejenigen Mittelständler zwei Schritte voraus sind, bei denen die Geschäftsführer schon vor Jahren langfristig gedacht und nicht nur auf den ROI geblickt haben. Weil sie überzeugt waren, dass sie langfristig davon profitieren. Das ist in diesen Zeiten zweifellos ein gewaltiger Vorsprung.
Angenommen, ein Unternehmen verfügt über genügend Liquidität und könnte sich die Transformation auf Erneuerbare leisten: Welchen Zeitraum für eine Umstellung halten Sie für realistisch?
Schu: Nehmen wir eine eher überschaubare Lösung wie die Umstellung auf eine Hackschnitzel-Befeuerung...
…wie sie unter anderem bei Schneider/Kelheim durchgeführt wurde ...
Schu: ...dann vergehen vom Beginn der Planung aus der Beratung heraus bis zur Umsetzung schon mal mindestens drei Jahre. Da spielen ja auch Genehmigungsprozesse eine entscheidende Rolle, die ganze Bürokratie. Das müsste alles mal vereinfacht werden.
Kern: Die Hersteller von alternativen Anlagen sind zum Teil nur mit wochenlanger Verzögerung in der Lage, uns ein erstes Richtpreisangebot zu machen, weil sie völlig überlastet sind.
Schu: Bei der Photovoltaik kriegen wir keine Bauteile mehr. Auf manche Wechselrichter warten Sie acht bis zehn Monate. Es gibt überhaupt keine Lieferfristen mehr.
Das heißt?
Schu: Auf die Schnelle gibt‘s keine Lösungen. Jedenfalls keine großen Lösungen.
Viele Betriebe befüllen nun sicherheitshalber wieder Ihre Erdöltanks. Halten Sie das für eine brauchbare Alternative?
Schu: Man muss sehen, wie lange solche Reserven im Ernstfall ausreichen. Manche Betriebe haben bei der Umstellung auf Gas noch Kombibrenner beibehalten. Aber das war die letzten Jahre eigentlich nicht mehr notwendig. Die Winter waren nicht mehr so kalt, und Gas war genug da.
Kern: Manche stellen sich jetzt Flüssiggas auf den Hof. Das hält dann im Notfall zwei Wochen.
Schu: Egal ob Flüssiggas oder Erdöl – es ist alles fossil. Und wir wissen alle, dass wir langfristig von fossiler Energie weg müssen.
Kern: Sollte der Worst Case eintreten, also die Gasversorgung nicht mehr sichergestellt sein, und alle stellen auf Flüssiggas oder Heizöl um, dann werden die Preise dort weiter explodieren.
Die Forderung nach einem Ausbau regenerativer Energien ist ja nicht unbedingt neu ..
Schu: Der Weg zu regenerativen Energien wird weitergehen. Es gibt ja genügend Energie, man muss sie nur endlich mal ernten. Man muss die Flächen zur Verfügung stellen, Windkraft aufbauen...
Kern: ...und wir brauchen mit dem absehbaren Ende fossiler Energie unbedingt einen Fokus auf Wasserstoff. Aber das dauert mindestens noch ein Jahrzehnt, bis da mal flächendeckend eine Versorgung stattfinden kann.
Schu: Das sehe ich auch so. Wasserstoff ist als Speichermedium die Zukunft. Ich kann mit Wasserstoff in unserem Erdgasnetz alle bestehenden Anlagen betreiben, nur eben im Moment noch nicht. Man kann Wasserstoff bis zu einem gewissen Prozentsatz direkt dem Erdgas beimischen. Man kann Wasserstoff mit CO2 aus der Luft zu Erdgas karbonisieren. Aber Wasserstoff bekommt man nur, wenn man regenerativ Strom zur Verfügung hat.
Sehen Sie dafür eine realistische Chance?
Kern: Das ist eine riesige Aufgabe. Manche bezweifeln, ob Deutschland in der Lage ist, den Wasserstoffbedarf selbst zu decken. Durch die Sektorenkoppelung steigt der Bedarf an Anlagen zur regenerativen Stromerzeugung, ob Windkraft oder Photovoltaik, überdurchschnittlich an. Wahrscheinlich wird man in Ländern mit sehr hoher Sonneneinstrahlung auf Dauer mehr Wasserstoff erzeugen können. Den müssen Sie dann aber erst noch mit Schiffen nach Deutschland transportieren.
Schu: Wir könnten damit das gesamte vorhandene Erdgasnetz und alle Kesselanlagen weiter betreiben. Man könnte die großen Speicher weiter benutzen, um die ungleichmäßige Entnahme, den Bedarf und die Zufuhr auszugleichen. Alles vorhanden – aber es geht nicht von heute auf morgen.
Vor Jahren hieß es bei den Betrieben noch: Weg von Einzelkomponenten hin zu zentralen Einheiten. Jetzt vollziehen Energieberater wie Sie doch eigentlich eine Rolle rückwärts?
Schu: Unsere Arbeitsweise und unsere Einstellungen haben sich mit Blick auf die CO2-Neutralität geändert. Ganz früher waren mehrere Kessel verteilt im Betrieb, zusammen hatten sie einen enormen Verlustanteil. Durch Zentralisierung wurde der Wirkungsgrad der Wärmeerzeugung sehr hoch. Jetzt gehen wir in der Tat wieder den Weg rückwärts. Wir nehmen aus dem Kessel alles raus, was nicht unbedingt Prozesswärme mit hohem Energieniveau ist – wie Dampf, Hochdruck oder Heißwasser –, das man in der Produktion braucht. Auch das Hochtemperaturniveau wurde über die Zeit schon abgesenkt, indem größere Wärmetauscherflächen zum Einsatz kommen.
Kern: Wir wollen den Anteil von fossilen Brennstoffen möglichst reduzieren. Das bedeutet, dass wir alle Verbraucher rausnehmen, die man auf niedrigerem Energieniveau bedienen kann. Zum Beispiel den Energiebedarf der Raumheizung, den ich über Wärmepumpen abdecken kann. Das ist dann die berühmte Sektorentrennung: Wir erzeugen Strom auf dem Dach mit einer Photovoltaikanlage, damit betreibt man die Wärmepumpe, und dieser entsprechende Wärmebedarf entfällt dann auf der fossilen Seite.
Sehen Sie Anzeichen dafür, dass die aktuelle Situation in den Firmen zu einem nachhaltigen und unumkehrbaren Umdenken führt?
Schu: Das sehe ich absolut so. Den Betrieben werden gerade rasant die Augen geöffnet. Ihnen ist jetzt klar geworden, in welche Abhängigkeit sie sich begeben haben.
Kern: …und das wird sich die nächsten Jahre nicht ändern, selbst wenn der aktuelle Konflikt gelöst werden sollte. Das Problem Russland bleibt ja bestehen. Die Gefahr, dass so etwas immer wieder passieren kann, ist nicht aus der Welt, und wir erleben gerade erst den Anfang einer Transformation, die wir nie für möglich gehalten hätten.
Das von den beiden Weihenstephanern Dr. Georg F. Schu und Matthias Kern geleitete IGS Ingenieursbüro für Energie- und Umwelttechnik in Hallbergmoos bei München berät seit Jahrzehnten Betriebe der Lebensmittelindustrie. Mit dem IGS sind Schu und Kern offizielle Energieberater des Bayerischen Brauerbundes (BBB). IGS führt bis heute den vom Bayerischen Staatsministerium für Wirtschaft und Verkehr geförderten „Betriebevergleich Energie für Brauereien“ durch, für den bislang rund 1.100 Einzelauswertungen für 300 Brauereien getroffen wurden.
Dieser Text erschien Ende Mai 2022 in unserem Sonderheft INSIDE FUTURE IF 2022 #1 - Das ganze Heft in der pdf lesen können Sie hier.


